Rudern in Hameln 1935-1950

Rudern hat eine uralte Tradition. Jede neu heranwachsende Generation lebt davon, der Ausbildung und dem Training.

Hier die Fortsetzung einer Story, aufgezeichnet von Wilfried Kappmeyer – Mitglied im RV „Weser“ von 1885 e.V. Hameln von 1935 – 1950 -, wie sich vor rund einundsiebzig Jahren das Training abspielte.

Der Hauptdarsteller ist der Ruderlehrer und Trainer Peter Hach.

Ruderlehrer und Trainer Peter Hach

Bereits in dieser Zeit gab’s Ruderlehrer und Trainer, die hauptamtlich bei den Rudervereinen arbeiteten und ein monatliches Salär erhielten.
Ein solcher Mann war Peter Hach im Ruderverein „Weser“ Hameln, wohin mich das Schicksal nach Beendigung des 2. Weltkrieges verschlagen hatte.
Wir schrieben das Jahr 1947.
Die Bevölkerung litt immer noch unter den schrecklichen Auswirkungen des Krieges. Die Menschen lebten recht armselig, sie mussten hungern und sehen, wie sie sich mit List und Tücke durchschlugen. Der Schwarzmarkt trieb höchste Blüten.
Trotz dieser miesen Ernährungslage – unser geliebtes Rudern, jahrelang durch den Krieg unterbrochen, lag uns sehr am Herzen. Unser erster Schritt war zum Bootshaus und welche Enttäuschung: Es war von den Engländern beschlagnahmt.
Nach einiger Zeit erlaubten sie uns jedoch großzügig, dass wir es ab 19.00 Uhr betreten und auch rudern durften. Diese „hochherzige Geste“ nutzten wir im Pulverdampf leicht angegrauten „Krieger“ (ausgehungert nach Rudern) weidlich aus. Wer kann’s uns verdenken: Rudern ist unser Leben!
Und große Freude, als unser Vorstand beschloss, einen hauptamtlichen Rudertrainer zu engagieren.
Ja – und dieser Mann war dann Peter Hach.
Eines Tages stand er vor der großen Bootshalle – eine kleine, schrullige Type, mit hellwachen, listigen Äuglein, die jeden kritisch musterten. Bestimmt wurde sein Gesicht durch eine blaurote Knollennase.
Auch seine Kleidung rief bei uns ein Schmunzeln hervor: Ausgebeulte Knickerbocker, ein dicker Strickpullover und auf dem Kopfe eine uralte ausgeblichene Rudermütze.
Oh je, dachten wir, dieser alte Knochen versteht was vom Renn-Rudern und vom Training?
Aber dass musste er ja wohl, trotz seiner 70 Jahre, denn unser 1. Vorsitzender hatte uns erzählt, dass er bei namhaften Rudervereinen tätig gewesen war, internationale Erfahrung habe und als erfahrener Rudertrainer bekannt sei.
Unsere Skepsis verschwand sehr schnell, als er uns im Kasten und im Gig-Boot in die Mangel genommen hatte.
Er nahm jeden einzeln von uns vor und stöhnte: „Oh je, oh je, wo habt Ihr bloß das Rudern gelernt?“
Er lehrte nach dem Grundsatz des natürlichen Bewegungsablaufes beim Rudern, und mit zielstrebiger Energie brachte er uns das leichte, flüssige Rudern bei. Alle Bewegungen dienten dazu, das Boot wie von unsichtbarer Hand, ohne zu rucken, gleichmäßig durch das Wasser gleiten zu lassen. A und O ein harter Durchriss durch das Wasser.
Der gesamte Bewegungsablauf unterlag physikalischen Gesetzen, die er uns beim theoretischen Unterricht auf einer Tafel aufzeichnete.
Hartnäckig nahm er jeden von uns in die Mangel und wehe, wenn einer innerlich aufmuckte. Dann hatte er stets die Masche vom „Bekämpfen des inneren Schweinehundes“ drauf.
Wie ein Luchs achtete er darauf, dass jeder beim Durchzug einen starken Wirbel hinter’ m Blatt hatte.
Er sprach uns mit der entsprechenden Bootsplatz-Nr. an und außerhalb des Bootes mit der Anrede „Herr“.
Ja – und so lief ein Trainingstag bei Peter Hach ab:
Ich strampele mit meinem verrosteten Drahtesel (Kriegsware) zum Bootshaus des RV „Weser“, das wir mittlerweile wieder voll benutzen durften.
Ich blicke über die Brüstung der Terrasse zur Bootshalle. Aha – da sitzt unser großer Lehrmeister Peter Hach auf der Bank neben dem Hallentor. Er hat die Hände gefaltet und blickt knollennasig zum großen Weserbogen. Ich denke, was der wohl wieder ausbrütet, um uns weich zu kneten?
„Strammen Schrittes“, wie es sich für einen Ruderer geziemt, gehe ich auf den großen Meister zu. Der blickt prüfend hoch.
Mit fröhlicher Stimme sage ich: „Guten Tag – Herr Hach. Wie geht’s?“
Doch der knurrt nur: „Haben Sie dafür gesorgt, dass alle etwas pünktlicher zum Training kommen?“ „Jawoll – Herr Hach“, antwortete ich – „aber Sie wissen ja, wie es beruflich so ist. Nicht jeder kann immer pünktlich die Kurve kratzen.“
Der Angesprochene guckt mich kurz an und verzieht sein Gesicht. Ich denke, ob ihm das Wort „Kurve kratzen“ wohl nicht gefällt? Inzwischen sind alle Trainingsleute eingetroffen und stehen palavernd um Peter Hach herum.
Der gebietet dann Ruhe und sagt mit autoritärer Stimme: „Los, zieht Euch um – aber dalli und bringt gleich die Riemen runter.“ Obwohl wir vom Kommiss restlos die Schnauze voll hatten, geht bei uns alles „zack, zack“ zu.
Im Nu sind wir umgezogen und bringen die Riemen runter zum Anleger, wo sie mit größter Sorgfalt senkrecht, schön ausgerichtet, an die Terrassenwand gelehnt werden.
Wir sind insgesamt zehn Trainingsleute, die um Peter Hach herumstehen und ihn erwartungsvoll angucken. Wie ein Kleinstkind dazwischen der leichte Steuermann.

Der große Meister tippt nun mit dem Finger auf die einzelnen Ruderer und sagt: „Sie, Sie, Sie“, und das achtmal. „Ihr fahrt Achter und die anderen im Skiff. Los, ein bisschen Tempo, holt die Boote aus der Halle.“
Der Steuermann-Knirps gibt lautstark seine Kommandos, und exerziermäßig wird der schlanke Achter zu Wasser gebracht. Das Einsteigen und Ablegen klappt wie am Schnürchen.
Der Achter liegt frei vom Anleger und Peter Hach hebt die Meckertüte zum Mund: „Alles in die Rückenlage. Blätter auf dem Wasser. Gleich beim Vorrollen das Boot halten. Fertig machen – fertig – los.“
Vorsichtig, wie auf Eiern rollen wir vor, damit ja nicht das Boot kippt. Die Blätter werden auf Dollenhöhe aufgedreht und schon kommt das erlösende ins Wasser tauchen.
Da ertönt das Kommando: „Ohne Kraft – leicht durchs Wasser. Genau auf Vordermann achten.“ So rudern wir eine Zeitlang parallel zum Ufer.
Schneidend dringt die Stimme des Meisters an unsere Ohren: „Leicht und flüssig die Hände vor – strecken, strecken. Den Oberkörper ruhig halten. Locker sitzen, nicht so wackeln.“
Der Achter rauscht ab und wir hören nichts mehr.
Doch plötzlich hören wir es laut vom Ufer schallen: „Wollt Ihr wohl auf Vordermann achten! Wackelt nicht so.“
Er war uns mit dem Rad gefolgt. Heftig kritisiert er die Bewegungsabläufe. Dann gibt er die Order: „Drehen und abwärts. Jetzt mit Kraft. Fertigmachen – los!“
Und ab geht die Fahrt:
Schon nach drei Schlägen rauscht das Boot, getrieben von den kraftvollen Schlägen der 1,90 m schwergewichtigen Bullen (ich war der Kleinste) durch das Wasser.
Hei – ist das eine Freude, wie das Boot unter dem Hintern wegläuft. Der Alte strampelt wie verrückt nebenher und bringt uns mit seinen Meckertüten-Kommandos auf Vordermann. Er wird stets fuchsteufelswild, wenn einer nicht spurt.
Aber trotz des harten Drills haben wir alle einen Mordsspaß und für uns alle gab es damals kein schöneres Gefühl, als im schlanken Achter die Krönung der Ruderei zu erleben.


Dann heißt es „Kilometerbolzen“ – 8 km weseraufwärts und zurück. „Immer zwanziger – vierundzwanziger Schlag. Zwischendurch 20 Dicke. Der Steuermann hat das Kommando!“
Kraftvoll ziehen wir los und knüppeln die Trainingsstrecke ab. Bei der Rückfahrt fängt uns Peter Hach wieder ab und gibt uns noch einmal ordentlich Zunder – aber wie!
Ziemlich ermattet legen wir an.
„Na – meine Herren, hat’s Ihnen gefallen? Ich bin zufrieden für heute – weiter so. Und Sonntagnachmittag lade ich Euch alle zu Kaffee und Kuchen ein.“ Ein lautes „Hipp-Hipp-Hurra“ auf unseren Trainer ist die Antwort. Abends falle ich todmüde ins Bett.
Das war ein Trainingstag bei Peter Hach. Verzeiht mir meine nostalgischen Ergüsse. Heute ist das Training natürlich ganz anders – ja, wirklich???
Übrigens: Peter Hach war in den „Fünfzigern“ Trainer bei uns im Club und trainierte Rennmannschaften. U.a. war auch der sympathische Paul Schneider sein gelehriger Schüler.
Und den damaligen Altherren-Vierer: Gustav Johannsen, Fritz Bruns, Gerd Beier und meine Wenigkeit, hatte er auch in strenge Zucht genommen und zu Erfolgen verholfen.
Peter Hach war ’ne schrullige Type, aber eine autoritäre Persönlichkeit. Schade, dass es sie heute nicht mehr gibt.
Der letzter dieser Art war wohl Kalli Adam. Sie alle waren Pioniere des Ruderns und Pioniere des körperlichen und vor allem des geistigen und menschlichen Durchstehvermögens.

Wilfried Kappmeyer, 10.1.87

Bildquellen:

  • Bild-2.-Achter_1: Bildrechte beim RVW bzw. einem Mitglied
  • Bild-3.-Achter_2: Bildrechte beim RVW bzw. einem Mitglied