Meine Rückkehr zum Rudern nach dem II. Weltkrieg im Jahre 1946

Erinnerungen von Wilfried Kappmeyer – Mitglied im RV „Weser“ v.1885 e.V. Hameln von 1935 – 1950 . Ein Bericht, der uns  einen interessanten Einblick in die damalige Zeit unseres Vereins erlaubt.

Nachdem ich den Krieg wohlbehalten überstanden hatte und wieder in meine Heimatstadt Hameln zurückgekehrt war, ließ es mir keine Ruhe, die Stätte meiner unvergesslichen Jugenderinnerungen aufzusuchen.

Bootshaus Pyrmonter Straße Hintergrund zerstörte Pfortmühle

Es war an einem Tag im September – im Jahre 1946. Mit meinem klapprigen Drahtesel – sprich Fahrrad – machte ich mich bangen Herzens auf die Socken, fuhr über die noch durch den Krieg stark beschädigte Weserbrücke den „langen Jammer“ der Pyrmonter Straße hinauf, bergauf kräftig strampelnd, zum Bootshaus. Da war endlich der altvertraute Eingang. Ich schwang mich von meinem Fahrrad und trat mit gespannter Erwartung näher.

Das Bootshaus: von den Briten beschlagnahmt

An der Eingangspforte stand ein Schild mit der Aufschrift: „Off Limits“. (Was soviel wie verboten hieß)

Verdammt, wo gibt’s denn so was! Das musste ja dann wohl vom Tommy beschlagnahmt sein, denn in Hameln residierte zu der Zeit die königlich britische Besatzungsmacht. Ich stellte meinen „Schlitten“ an den Zaun und ging langsam den Weg hinab zur Terrasse. Dort lehnte ich mich auf die Steinbrüstung. Keine Menschenseele war zu sehen. Eine bedrückende Stille lastete über allem. Einsam lag unten der Anleger und träge floss die Weser an meinen Augen vorüber. Nachdem ich mir einige Zeit die Umgebung angeschaut hatte, ging ich kurzentschlossen den Weg zur Bootshalle hinunter. Was kümmerte mich das blöde „Off Limits“-Schild.

Wiedersehen mit dem alten Trainer

Fritz Ruhe genannt Gotthold mit seinem Sohn Horst 1950 vor unserem alten Bootshaus

Laut hallten meine Schritte auf den Steinplatten. Die große Hallentür stand halb offen. Plötzlich erschien eine Gestalt in der Tür, so grau in grau-blau. Blasses, mageres Gesicht – auf dem Kopf eine verschossene Schiffermütze, wozu der vergammelte blauähnliche Pullover eine urige Ergänzung war. Die Beinkleidung bestand aus einer ausgebeulten Marinehose. Zusammengekniffene Augen musterten mich ablehnend und kritisch. Mensch – den kennst du doch, dachte ich!

Und dann wusste ich auch schon – ich sah’s an seinen Augen. Das konnte nur der alte Gotthold Ruhe sein, unser alter Trainer und damals die Seele vom Bootshaus. „Mensch – Gotthold, Du bist es! Dass ich Dich hier wohlbehalten wiedersehe? Sieben Jahre ist es her, als Du uns im Training gebimst hast!“

Jetzt erkannte er mich und sagte erfreut: „Fiffi, Du alter Hundesohn lebst noch – Mann oh Mann“, und er knuffte mich freudestrahlend in die Seite. Einen Augenblick starrten wir uns prüfend an und dann ging das Erzählen los. Ich musste von ihm hören, dass viele meiner alten Ruderkameraden gefallen waren. Einige waren noch vermisst. Mit bitterer Stimme erzählte er mir, dass das Bootshaus von den Engländern beschlagnahmt sei, die sich dort als Besitzer aufführten. Unsere gesamten Boote würden von ihnen fleißig benützt. Die Clubmitglieder dürften erst nach 19:00 Uhr das Bootshaus betreten, wie er mir weiter erzählte.

Bootshaus 1942

Erst nach 19:00 Uhr durften wir ins Bootshaus

Als Gotthold mir dann in der Halle die Boote zeigte, war ich sehr deprimiert. Viele Gig-Boote waren stark beschädigt. Besonders die beiden schlanken Achter boten ein Bild des Jammers. Am Bug und Heck klafften Risse und Löcher. „Ja, ja“, sagte Gotthold mit klagender Stimme – „hier auf dem Bootshaus haben zum Schluss des Krieges die Polen gehaust. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie es in all’ den Räumen aussah. Die haben wie die Vandalen gehaust. Die letzten Monate habe ich hier nur aufgeräumt und so manches instandgesetzt.“

Ich schüttelte den Kopf und verspürte förmlich den Schmerz der blessierten Achter. Nachdem wir einige Zeit schweigend die Boote betrachtet hatten, blickte Gotthold mich an: „Fiffi, wie ist es – wollen wir nicht den Ruderbetrieb wieder in Gang bringen? Ich trommele die bereits heimgekehrten Krieger zusammen – Du versuchst ebenfalls einige zu erreichen und wir treffen uns alle abends auf dem Bootshaus?“

„Gotthold – das ist die Idee. Weißt Du, ich bin ganz scharf auf das Rudern. Nach all’ dem, was hinter mir liegt, habe ich einen ungeheuren Nachholbedarf.“ „Gut, dann merk Dir nächsten Mittwoch vor – dann treffen wir uns hier, oben im Turmzimmer.“ „Alles klar“, antwortete ich – schwang mich auf meinen Drahtesel und fuhr in bester Stimmung nach Hause.

Wollen wir den Ruderbetrieb wieder aufbauen?

Unser Meeting fand wie vereinbart statt. War das eine Freude, so manchen alten Ruderkameraden wiederzusehen. Etwa 12 aus dem Krieg Übergebliebene hatten sich eingefunden. Jeder erzählte erst mal seine Erlebnisse und wir erfuhren auf diese Art und Weise, wo der eine oder andere geblieben war. Die meisten waren in Russland gefallen.

Nachdem die Erlebnisse erschöpfend ausgetauscht waren, trat eine Zeitlang Stille ein. Jeder hing noch seinen Gedanken nach. Zu stark geisterten die schrecklichen Kriegsjahre noch in unseren Köpfen herum.

Wenn ich mir die Anwesenden einzeln ansah, waren sie im Schnitt so 19 bis 26 Jahre alt. Ich war wohl der Älteste – einer der ganz wenigen des Jahrganges Zwanzig. Aber wir waren alle eindeutig der Meinung, dass wir vom Krieg restlos die Schnauze voll hatten und nichts mehr davon wissen wollten.

Einer formulierte es treffend: „Wisst Ihr, mit Politik und ähnlichen weltanschaulichen Dingen können mir alle gestohlen bleiben. Jeder, der mir damit kommt, kriegt einen Tritt in die Eier!“ (Ja, das sagte er wörtlich) „Wie recht Du hast“, antwortete ich – „jetzt gibt’s nur noch eine Regel: Jeder ist sich selbst der Nächste.“ „Ja, und darum – liebe Ruderfreunde, lasset uns wieder rudern, wie in alten Zeiten, dann vergessen wir am schnellsten, wie wir unter dem größten Feldherrn aller Zeiten gedient haben und einsam und verlassen draußen in der größten Scheiße unseres Lebens lagen.“

Bootshaus 1921

Das war mein Stichwort. Ich blickte sie alle der Reihe nach an und setzte langsam Wort an Wort: „Seht mal – wir haben unser schönes Bootshaus hier – wenn wir auch erst nach 19:00 Uhr aufkreuzen dürfen – aber wir haben wieder eine Stätte der Begegnung für unsere wieder zu bildende Ruderkameradschaft und … wir haben unsere geliebten Ruderboote, die von uns aufs Wasser gebracht werden wollen. Darum – liebe Freunde, lasst uns wieder anfangen mit unserem geliebten Rudern und mit der Pflege der Club-Gemeinschaft. Was haltet Ihr davon?“

Alle stimmten spontan mit Begeisterung zu. Großartig – dachte ich – da kommt mal wieder so echt der traditionelle Ruderer-Geist zum Ausdruck.

Gotthold, der wie üblich sein Markenzeichen – die vergammelte Schiffermütze aufhatte – grinste über sein von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht und sagte: „Mensch prima – dann kann ich Euch „Alte Krieger“ ja wie früher wieder in die Mangel nehmen. Aber denkt daran, Ihr seid nicht mehr die Jüngsten und nicht mehr sooo taufrisch. Also allen Ernstes – wollt Ihr tatsächlich noch mal aktiv rudern und sogar richtig trainieren?“

Alle stimmten kräftig zu. Da griff Gotthold, unser guter Bootshausgeist, praktisch die Seele vom Ganzen, unter den Tisch und holte eine Buddel klaren edel gebrannten Rübenschnaps hervor. Damals eine Exklusivität ersten Ranges.

Gemeinsames Bekenntnis zum Rudern

„Kinder, lasst uns auf diesen historischen Augenblick einen heben. Die Buddel kreiste und jeder nahm einen kräftigen Schluck. Junge, Junge – das war aber auch ein Zeug! Als der Letzte die Flasche absetzte und sich den Mund abwischte, ergriff die alte „Frau Sicker“ (Christian Sicker, neben mir der zweite Altgeselle) das Wort: „Unserem lieben Ruder-Vater Gotthold Ruhe als Dank für seine aufopfernde zukünftige Betreuung ein dreifaches hipp-hipp-hurra.“ Dröhnend hallte dieser alte, traditionsreiche Ruderer-Schlachtruf durch das uralte Gemäuer unseres Bootshauses nach draußen über die dunkel dahinfließende Weser dahin.

Gotthold bedankte sich auf seine Weise: Er nahm seine Mütze ab, kratzte sich wie üblich an seinem Kopf und bedankte sich mit einem einmaligen lächelnden hipp-hipp-hurra. Anschließend wies er daraufhin, dass die Engländer offiziell immer noch das Bootshaus für den Ruderbetrieb beschlagnahmt hätten und wir erst nach 19:00 Uhr den Ruderbetrieb aufnehmen dürften. Das müssten wir strikt einhalten, da uns sonst der Sport-Major das Bootshaus ganz verbieten würde. Aber wir waren alle der Meinung, diese Einschränkung gern in Kauf zu nehmen. Hauptsache, wir konnten unsere Boote benutzen.

Dann ergriff Gotthold noch einmal das Wort: „Wenn wir alles wie früher wieder anlaufen lassen wollen, wenn auch nur vorerst mit kleiner Flamme, brauche ich Eure Hilfe. Wir müssen nämlich zunächst unbedingt einen Ruderwart haben. Das muss einer aus Eurer Mitte sein, der gewillt ist, sich uneigennützig für unsere Belange einsetzt und den Laden vorantreibt und außerdem alte, in der Versenkung verschwundene Ruderkameraden von früher anspricht und zum Mitmachen auffordert, damit sich der Bootshausbetrieb wieder entwickelt.“ Nachdem Gotthold geendet hatte, blickten alle auf mich. Mann – dachte ich – jetzt bist du mal wieder dran und richtig – alle wählten mich einstimmig zum Ruderwart. Und da ich selbst großes Interesse hatte, wie in alten Zeiten einen zünftigen Ruderbetrieb mit Training aufzuziehen, nahm ich das Amt an.

So wurde damals, kurz nach dem Krieg der Grundstein gelegt für die Wiederbelebung unserer geliebten Ruderei in unserem alten ,Ruder-Verein „Weser“ Hameln’. Gotthold und einige handwerklich begabte Ruderer brachten das Bootsmaterial wieder in Schuss und ich spürte in allen Ecken und Kanten meiner Heimatstadt alte Ruderkameraden von früher auf. Viele waren schon über die Zwanzig hinaus, einige waren bereits verheiratet und mussten sich beruflich stark engagieren. Aber wenn die alten Erinnerungen kamen, die alte Männerkameradschaft mit den herrlichen Späßen, die man immer auf dem Bootshaus hatte, wirkte das alles wie ein Magnet und wir hatten schließlich so etwa 12–16 Trainingsleute bzw. ruderwillige Aktive zusammen.

Wie abgemagerte Heringe

Gotthold stellte etwa drei Vierer zusammen, die körperlich zusammenpassten. Wir mussten alle kräftig grinsen, als wir zum ersten Mal im Ruderdress in die Boote kletterten. Auweia, was waren wir alle für abgemagerte Heringe! Da musste zunächst mehr auf Technik beim Rudern geachtet werden – mit der Kraft musste sparsam umgegangen werden.

Da die Engländer uns nach wie vor erst nach 19:00 Uhr auf das Bootshaus ließen (sie trainierten selbst recht fleißig), konnten wir erst immer Abends rudern.

Die Engländer hatten ihre Boote mit bulligen, muskelbepackten Burschen besetzt – etwa in unserem Alter. Alle waren prima in Futter und wohlgenährt. Aber mit der Technik war es nicht so berauschend. Sie fuhren alle noch den ruckartigen, harten orthodoxen Stil, den bekanntlich die Engländer mal entwickelt hatten. Ich wunderte mich eigentlich darüber, weil der konservative orthodoxe Stil von den Engländern selbst abgelöst wurde durch den revolutionären Fairbairnstil, dem rucklosen natürlichen Bewegungsablauf. Wir, beim Ruderverein „Weser“, ruderten schon seit 1936 diesen neuen Stil, der außerdem ästhetisch aussah. Alle Bewegungen dienten nur der Kraft des Durchzuges durch das Wasser. Komisch, dass die Engländer noch diesen alten „Kolonialstil“ rudern, dachte ich. Junge, Junge, wenn die die Hände wegbrachten, das krachte vielleicht in der Dolle!

Das Rennen gegen die arroganten Besatzer

Eines Abends, nach Beendigung des Trainings, eröffnete uns Gotthold Ruhe, dass die Engländer beabsichtigten, eine Regatta zu veranstalten und uns zu zwei Vierer-Rennen eingeladen hätten. Die Sieger aus den beiden Rennen müssten dann zum Schluss gegeneinander fahren. Die Öffentlichkeit sei ausgeschlossen, aber das britische Offizier-Korps und deren Damen werden zuschauen. Außerdem werden verschiedene britische Einheiten dabei sein. Gotthold musterte uns eingehend und fragte dann: „Habt Ihr Lust?“

Wir zögerten keine Sekunde. Alle waren bereit mitzumachen. Am nächsten Tag fingen wir sofort mit dem Training an. Gotthold stellte einen 1. und einen 2. Vierer zusammen. Ich fuhr im ersten Vierer mit.

Ein Bäcker besorgte Brot und der alte Kolonialwarenhändler Hapke stiftete Butter und Hartwurst. Von einem Ruderfreund, der ein kleines chemisches Unternehmen hatte, erhielten wir vitaminreiche Aufbaukost. Den Namen dieses Zeugs weiß ich heute noch: „Dinaphos“.

Diese Zusatzkost hat uns sehr geholfen, unsere Kräfte für das Training zu mobilisieren. Es gab ja auch in jener Zeit nichts Vernünftiges zu essen.

Der gute Gotthold tat sein Bestes, unsere Kräfte sinnvoll während des Trainings einzuteilen. A und O war ein harter Durchzug der Blätter durch das Wasser. Nach einiger Zeit merkten wir – der Pott lief gut durch. Wie in alten Tagen – jubelten wir innerlich. Einfach toll. Wir hatten wieder Blut geleckt und waren – ohne Übertreibung – mit Feuer und Flamme dabei.

Dann kam der Regatta-Tag der Royal-British-Armee, an einem Samstagnachmittag im September des Jahres 1946. Ein historisches Ereignis. Ich glaube, es war die erste Internationale Regatta auf deutschem Boden nach dem 2. Weltkrieg und es ist noch gar nicht so lange her, wo wir noch Landser waren und gegen die Tommys gekämpft hatten. Und – wie sich die Zeiten geändert hatten: Auf dem Bootshaus kein Feldgrau – nein … alles khakifarbene, hochmütig dreinblickende Tommys. Auf der Terrasse vorwiegend Offiziere mit ihren Damen und unten eine große Anzahl soldiers of the army. Junge, Junge, das war vielleicht ein Bild! Die Siegermächte hatten unser Bootshaus voll besetzt. Kein deutscher Zivilist durfte sich das erste internationale Regatta-Schauspiel ansehen.

Nur wir – zwei aktive Rennvierer unseres Vereins – waren dabei. Aber auch nur, weil wir „untertänigst“ zur Teilnahme an zwei Rennen aufgefordert wurden. Es war damals, in der Zeit, wo wir völlig am Boden lagen und Deutschland praktisch nicht mehr existierte, wohl der erste Schritt oder Versuch der Engländer, zur Verständigung mit uns. Wer die damalige Zeit miterlebt hat, weiß, was das bedeutet. Doch nun wieder zum Regatta-Tag. Wir, die deutschen Regatta-Mannschaften, hielten uns bescheiden im Hintergrund und zwar in einem nicht mehr benutzten Material-Aufbewahrungsraum, bis der englische Sportoffizier uns aufforderte, unsere Boote für das Rennen aus der Halle zu tragen. Wir mussten natürlich unsere ältesten Schinken benutzen. Die neueren Boote hatten sich selbstverständlich die Engländer vorbehalten.

Zunächst fuhren die Engländer unter sich einige Zweier- und Vierer-Rennen. Dann kam unser erste Vierer dran, in dem ich auf Zwei saß. Langsam und ohne Kraft pullten wir zum Start – die Strecke betrug 1.000 m. Unsere Gegner rauschten mit Kraft an uns vorbei – bullige, muskulöse Typen, rotblond und baby-rothäutig. Mein lieber Scholli, dachte ich – die packen uns ein mit Pauken und Trompeten. Da schreckte uns der Steuermann Karl-Fritz Lürs aus unseren Gedanken hoch:

„Los, mal n’ paar Dicke zum Eingewöhnen. Fertigmachen – fertig – los!“

Hei, da ging die Post ab. Wir stemmten uns hoch und knallten durch das Wasser. Alles mit sauberer Technik. Das Boot lief rasant durch. Als wir zehn „Dicke“ gerudert hatten, ließ uns unser Steuermann, der übrigens ein ganz raffinierter Hund war, wieder mit halber Kraft rudern.

Dann schoben wir uns an das Startboot, wo der Starter uns ausrichtete.

„Ruhig – Ihr Bullen – nicht weich werden“, sprach Karl-Fritz auf uns ein.

Ich konnte nicht umhin, ab und zu nach unserm Gegner rüberzuschielen, bis mich unser Steuermann anfauchte: „Verdammt, Nr. Zwei– Augen im Boot. Achtung – alles auf den Start konzentrieren!“

Da ertönte auch schon die raue Stimme des Starters: „Attention please! Are you ready – – – go!!!”

Hei – da ging’s blitzartig los. Mit schnellen Startschlägen versuchten wir, Boden zu gewinnen. Englische und deutsche Kommandos schallten lärmend über die Weser. Wir peitschten das Wasser, was unsere unterernährten Muskeln hergaben. Unser Gegner lag bereits eine dreiviertel Länge vor uns. „Ruhig Leute – ruhig“, ermahnte uns unser Steuermann – „sauber aus dem Wasser und die Beine – wumm durch das Wasser und jupp – jupp. So jetzt lang werden und hart das Wasser packen.“ Unser Boot lief prima durch – wir holten auf und bei 500 m lagen wir gleich.

Gleichmäßig, wie ein Uhrwerk, spulte unsere Mannschaft die hohe Technik des Ruderns ab, unter der geschickt-psychologischen Leistung unseres Steuermannes. Es gab einen harten Bord-an-Bord-Kampf. Doch wir ließen uns nicht aus der Ruhe bringen. Wir behielten unsere lange Wasserarbeit bei und Meter um Meter schob sich unser Boot nach vorn. „Hei – Ihr Knechte – wir packen es“, rief uns Karl-Fritz zu. „Nicht nachlassen – weiter so. Jetzt die letzten Zehn! Eins weg – zwei weg! Ran – die Beine dahinter!“ Da ertönte auch schon die erlösende Ziel-Glocke. Und – welche Freude: Wir hatten mit einer halben Länge Vorsprung gesiegt. Wir waren völlig fertig – aber unsere Gegner noch mehr. Sie hatten ihre Riemen losgelassen und waren im Boot zusammengesackt. Was soll ich sagen? Unsere Freude war natürlich grenzenlos, besonders, dass wir „ausgehungerten Gestalten“ die wohlgenährten Tommys besiegt hatten.

Unser Steuermann gratulierte uns freudestrahlend, blickte dann zu den Engländern rüber und ließ dann den alten Ruderer-Schlachtruf vom Stapel: „Unserem tapferen Gegner ein dreifaches hipp-hipp-hurra!“ Die blickten verstört zu uns rüber und winkten mit einem matten: „Hallo!“

SIEG auf ganzer Linie

Als wir am Anleger anlegten, empfing uns eisiges Schweigen. Lediglich unsere 2. Mannschaft, die unser Boot annahm, empfing uns mit einem leichten Grinsen. Nicht zu beschreiben das versteckte Feixen von Gotthold, der uns so erfolgreich trainiert hatte.

Rabaukenvierer W. Kappmeyer 2. v. lks.

Durch unseren Sieg hatten wir unseren zweiten Vierer stark motiviert. Gespannt warteten wir auf das zweite Rennen unseres anderen Vierers. Es war soweit. Der Lautsprecher verkündete das Rennen in englischer Sprache und da lief auch schon das Rennen. Beide Boote lagen vom Start weg immer auf gleicher Höhe – die ganze Strecke über entwickelte sich ein harter Bord-an-Bord-Kampf. Mann oh Mann – wir waren vielleicht nervös! Erst auf den letzten Metern, kurz vor dem Ziel, packten es unsere Kameraden noch und sie schlugen die Tommys um Luftkastenlänge. Oh je, wie peinlich für die Regatta-Veranstalter, denn jetzt mussten laut Bestimmung die beiden Sieger gegeneinander fahren und beides deutsche Mannschaften! Das hätte nicht passieren dürfen. Aber letzten Endes hatten das die Tommys selbst so vereinbart. Damit hatten wir alle nicht gerechnet. Nun waren wir selbst gespannt, wie das große Schlussrennen unter uns ausgehen würde. Zumal beim zweiten Vierer unser Experte Christian Sicker saß, ein alter Fuchs im Rudern, ein ganz zäher Hund.

Dann kam der große Augenblick: Zwei deutsche Mannschaften, die Sieger aus dem großen Vierer-Rennen gegen englische Konkurrenz, bestritten nun das Schlussrennen unter sich.

Teufel, Teufel, wieder lagen wir die ganze Strecke über in einem zähen Bord-an-Bord-Kampf nebeneinander. Die Steuerleute bölkten sich die Lunge aus dem Hals, um uns anzuspornen. Wir zogen wie die Irren – keiner gab sich geschlagen. Ich konnte kaum noch japsen.

Endlich war es geschafft – die Glocke ertönte – das Rennen war beendet.

Freudig erregt rief uns der Steuermann zu: „Mann – Ihr Knechte habt gewonnen – Ihr alten habt die jungen Spunde geschlagen.“

Applaus von den Briten

Staunend stellten wir fest, dass die englischen Zuschauer laut Beifall klatschten. Der Sport-Offizier – ein Major – kam an unser Boot und gratulierte herzlich. Gleichzeitig lud er uns zur anschließenden Sieger-Ehrung im Bootshaus ein. Wir guckten uns alle grinsend an und waren außer uns vor Freude, dass wir angeblich „alte Knochen“ gewonnen hatten. Nachdem wir geduscht und uns in Schale geschmissen hatten, gingen wir zur Sieger-Ehrung, die in den oberen Räumen des Bootshauses stattfand. Dort waren schon die Herren Offiziere mit ihren modisch gekleideten Damen versammelt. Bescheiden stellten wir uns in den Hintergrund.

Welcher „Glanz in unserer Hütte“ dachte ich, als jeweils unser 1. und 2. Vierer die Siegerurkunden in Empfang nehmen konnten. Die anfangs zurückhaltenden Engländer kannte ich gar nicht wieder. Sympathisch und fröhlich lachend gratulierten sie uns und luden uns ein, mit ihnen ,a cup of tea’ zu trinken. Allerdings war diese Stehparty nur kurz. Zu mehr wollten die Engländer sich auch nicht mit uns einlassen. Die Kriegserinnerungen waren noch zu frisch. Trotzdem, dieser sportliche Kontakt war zur damaligen Zeit, wo jeder Annäherungsversuch seitens der Siegermächte streng verboten war, ein erster Schritt – ein Meilenstein – zur sich später immer mehr anbahnenden Verständigung.

Kurze Zeit danach wurde das bestehende Bootshausverbot aufgehoben und wir konnten uns auf unserem Bootshausgelände und im Bootshaus wieder frei bewegen – wir waren wieder die Hausherren und die Engländer ruderten bei uns als Gäste. Ja – und das war ein Neubeginn einer ruderischen Entwicklung im Ruderverein „Weser“ – der Anfang für eine neue ruderaktive Zeit mit einer Grundsteinlegung zum Rennrudern.

Aufbruchstimmung im RVW

Boote – Inventur nach dem Kriege

Überall stöberte ich alte Ruderer oder Spätheimkehrer auf und ermunterte sie, doch wieder zum geliebten Bootshaus zu kommen, um dort die alte Ruderkameradschaft zu pflegen. So manchen konnte ich für den Verein zurückholen, und wer einmal wieder in der Bootshalle den altvertrauten Bootslack geschnuppert hatte und sich vor seinen Augen die schlanken Leiber der Boote präsentierten, außerdem erneut die Club-Geselligkeit erlebte, der kam wieder und begann auch bald das Rudern. So hatte ich Ende 1947 etwa 20 Aktive, die ständig zum Bootshaus kamen, zusammen und rudern wollten.

Unser bisheriger Trainer Gotthold, der das Training ehrenamtlich versehen hatte, hatte im Geschäft viel zu tun und konnte neben seiner Aufgabe als Boots- und Hauswart beim besten Willen nicht auch noch das Training vollverantwortlich übernehmen. Was tun? Es dränge sich die Frage eines hauptamtlichen Ruderlehrers auf und im Rahmen einer Vorstandssitzung wurde der Beschluss gefasst, einen Trainer fest einzustellen.

Ein hauptamtlicher Ruderlehrer muss her

In der Ruder-Zeitschrift bot sich in einer Anzeige ein erfahrener Trainer mit vielen Renn-Erfolgen an und das gegen ein erschwingliches Honorar.

Der 1. Vorsitzende bat diesen Trainer, der Peter Hach hieß, zur Vorstellung nach Hameln. Er wohnte seinerzeit in St. Peter Ording, hoch oben im Norden. Ich hatte den ehrenvollen Auftrag, Peter Hach am Hauptbahnhof Hameln in Empfang zu nehmen, um ihn dann zum Bootshaus zu bringen, wo der Vorstand sich mit ihm unterhalten wollte.

An einem kalten Winterabend, Anfang Dezember 1947, stand ich frierend auf dem Bahnsteig und wartete mit Spannung auf den Herrn Rudertrainer.

Ich dachte, was wird das wohl für ein Typ sein, mit den großartigen Renn-Erfolgen und der angeblich internationalen Erfahrung. Ächzend und dampfend rollte schließlich der Zug in die Halle.

Nur wenige Menschen stiegen aus und ich nahm trotz prüfender Blicke keine männliche Gestalt wahr, auf den die sportliche Gestalt eines Ruderlehrers, wie ich ihn mir vorstellte, zutraf. Alle ausgestiegenen Leute waren schon im Bahnhofsgebäude verschwunden, als aus dem letzten Wagen ein kleines Männchen herauskletterte, bekleidet mit einer dicken Winterjacke und verbeulten Knickerbockern. Auf dem Kopf trug er eine bis weit über die Ohren gezogene Ballonmütze. In der Hand trug er einen leicht beschädigten braunen Pappkoffer. Ob er das wohl ist? dachte ich.

Zögernd ging ich auf diese Gestalt zu, die mir leicht krummbeinig, mit nach innen gesetzten Füßen, armschlenkernd entgegenkam. Als er vor mir stand, fragte ich ihn: „Sind Sie Herr Hach? Ich bin vom Ruderverein „Weser“ und möchte Sie abholen.“

Ein Knollengesicht blickte mich mit klaren blauen Augen listig blinzelnd an.

„Ja, der bin ich! Fein, dass Sie mich abholen.“ Als ich so dicht vor ihm stand, sah ich, dass er viele Runzeln und Falten im Gesicht hatte.

Oh weh, dachte ich, dass muss aber ein alter Knochen sein und der will uns Rabauken, die sich nicht so leicht was sagen lassen wollen, trainieren?

Ich nahm ihm den Koffer aus der Hand und ging mit ihm zur Bushaltestelle, von wo wir zum Bootshaus fuhren. Peter Hach sah aufmerksam aus dem Fenster und bemerkte: „Oh – Hameln ist ja ein nettes Städtchen. Da kann man wohl ganz gut leben!“ Ich konnte dem nur beipflichten. Dann guckte er mich prüfend an und fragte: „Rudern Sie denn auch noch und wieviel Aktive haben Sie?“ „Ja, ich rudere auch noch“, antwortete ich – „außerdem bin ich Ruderwart. Aktive, die gern trainieren wollen, haben wir etwa 20 Herren im Alter von 19 bis 28 Jahren.“ „Oh, das ist ja allerhand. Da gibt’s viel Arbeit.“

Ich schwieg. Ich konnte immer noch nicht begreifen, dass so ein alter Herr uns ausgebuffte Knochen in die Mangel nehmen könnte. Am Bootshaus angekommen, führte ich Herrn Hach gleich in den Clubraum, wo wir erst mal mit drei Vorstandsherren ein gemeinsames Essen einnahmen, das von einem bekannten Hamelner Kolonialwarenhändler, der ein begeistertes Mitglied und ein großer Befürworter für die Einstellung eines Ruderlehrers war, gestiftet war. Nach dem Essen kamen wir dann zur Sache. Der 1. Vorsitzende, Herr Georg Schotte, stellte unserem Gast verschiedene Fragen.

Nun erfuhren wir auch sein Alter und mir verschlug es die Sprache, er war an die Siebzig. Aber in der Haltung war der alte Herr noch sehr rüstig und lebendig. Vor allem in der Unterhaltung war er sehr rege und gab schlagfertige Antworten.

Ruderlehrer Peter Hach brachte viel Erfahrung mit

Vor dem Krieg hatte er in den Ruderhochburgen Leipzig und Königsberg Meistermannschaften im Achter und Vierer trainiert. Seine Mannschaften hatten an vielen nationalen und internationalen Regatten teilgenommen – auch an deutschen Meisterschaften. Außerdem hatte er lange Jahre als Ruderlehrer und Trainer beim exklusiven Ruderclub „De Amstel“ in Amsterdam gewirkt. Seinen Worten war zu entnehmen, dass er ein starker Verfechter des natürlichen Ruderns war. Was Peter Hach so von sich gab, in aller Bescheidenheit, aber in der Sache bestimmt und fest, imponierte mir. Der alte Herr gewann mehr und mehr meine Bewunderung und Zuneigung.

RVW Trainer Peter Hach

Auch an den Gesichtern der anderen Vorstandsherren konnte man erkennen, dass sie den Trainer als Persönlichkeit akzeptierten. Schließlich lehnte sich der 1. Vorsitzende, Herr Schotte, zurück und sagte: „Ja – meine Herren, was uns Herr Hach erzählt, ist alles sehr vielversprechend. So haben wir uns die Arbeit eines fest angestellten Trainers vorgestellt. Ich glaube, auch die anderen Herren des Vorstandes sind da mit mir einer Meinung. Aber – erlauben Sie mir ein offenes Wort, Herr Hach! Sind Sie altersmäßig und körperlich fit, mit dem täglichen Trainingsbetrieb und den immerhin nicht zimperlichen Ruderern fertig zu werden?“ Alle blickten bei diesen Worten auf den „Alten“. „Aber meine Herren – dann wäre ich ja nicht hier. Ich bin unverwüstlich, sozusagen ein nicht kleinzukriegendes Stehaufmännchen. Zeitweise setze ich mich im Achter noch auf Schlag und fahre mit dem Rad am Ufer neben den Booten her. Da muß ich kräftig in die Pedalen treten, um mit den Mannschaften mitzukommen. Sie brauchen keine Bedenken zu haben. Gesundheitlich bin ich voll auf der Höhe.

Und was die nicht gerade zimperlichen Ruderer betrifft: Da passen Sie mal auf, wie klein und bescheiden die bei mir im Training sind. Die fressen mir aus der Hand, glauben Sie mir und sind meine gelehrigsten Schüler.

Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen – es wird eine harmonische Zusammenarbeit mit mir geben. Meine väterliche, offene Art fand bisher überall Anklang, ob alt oder jung. Viele holten bei mir in allen möglichen Dingen Rat.“ Bei mir hatte es längst eingeschlagen. Der alte Mann gefiel mir ganz prima, und ich wandte mich an meine Vorstandskollegen: „Also, was Herr Hach hier von sich gibt, ist genau das, was sich unsere Ruderer wünschen. Wir sind eine verschworene Gemeinschaft und wenn wir sinnvoll angepackt werden – auch mit einer gewissen Härte –, der Trainer kann sich auf uns verlassen. Da spielt das Alter des Trainers überhaupt keine Rolle.“ Der 1. Vorsitzende sah mich an und nickte zustimmend: „Ja – ich glaube, wir vom Ruderverein „Weser“ sind uns klar – Herr Hach, sind Sie bereit, für uns als Ruderlehrer und Trainer tätig zu sein?“ „Ja, gern, aber ich brauche die tatkräftige Unterstützung des Ruderwartes, Herrn Kappmeyer.“ „Die haben Sie“, antwortete ich.

So wurde dann mit allgemeinem Händeschütteln, nach dem 2. Weltkrieg noch in der schlechten Zeit vor der Währungsreform, der erste Rudertrainer des RVW Hameln eingestellt. Ein rudergeschichtliches Ereignis, besonders in der damaligen zukunftsunsicheren Zeit. Aber für die Aktiven begann eine unvergesslich schöne Ruderepoche.

10.1.87 Bremen   Wilfried Kappmeyer